Das Leben an Bord

Zwei Monate bin ich jetzt mit Arnold und seiner Novel unterwegs und inzwischen hat sich unser WG-Leben ganz gut eingespielt. Morgens ist die erste Tat einen Kaffee trinken. Natürlich schweigend. Erst nach dem zweiten Kaffee findet zwischen uns die erste Konversation des Tages statt.

Wenn die Segel gesetzt sind und das Schiff auf Kurs, gibt es den nächsten Kaffee…und dazu Stroopwafels. Und dann segeln wir…und segeln…und segeln. Manchmal machen wir eine Wende und manchmal eine Halse. Manchmal stellt Arnold die Segel besser und ich mache immer meine Runde ob die Gäste auch alle Seile fein aufgeräumt haben.

Wenn das Schiff abends im Hafen angelegt, der Landstrom angeschlossen ist und eventuell noch Wasser aufgefüllt wird haben wir Feierabend und es gibt das Anlegerbier. Manchmal mit Alkohol, manchmal ohne und manchmal ein Radler, wie es hier so schön heißt (in Norddeutschland auch als Alster bekannt).

Wenn es bei den Schulgruppen mal wieder Spaghetti Bolognese, Wraps oder Chilli con Carne gibt, dann kochen wir uns selber etwas. Meistens ist Arnold der Koch und es schmeckt immer sehr lecker.

Oft treffen wir im Hafen auf andere Schiff aus unserer Flotte von Holland Sail. Dann gibt es nicht nur bei den Skippern sondern auch bei den Matrosen ein fröhliches „Hallo“. Wir treffen uns entweder auf einem der Vordecks oder an einem anderen Ort wo die Gäste NICHT sind. Gemeinsam was trinken, quatschen, lachen und den Tag beim Sonnenuntergang ausklingen lassen bevor es am nächsten Tag wieder weiter geht.

Unsere lieben Gäste
Neben den Schulgruppen deren Schüler zwischen 15 und 18 Jahre alt sind, haben wir auch private Gruppen oder Vereine an Bord. Das bedeutet es sind mehr Erwachsene als Kinder dabei oder gar nur Erwachsene. Wenn die Gruppen an Bord kommen, versammeln wir sie im Aufenthaltsraum und Arnold macht eine kleine Ansprache wie das an Bord so läuft. Zum Beispiel wirft man in das Klo nur „Pipi, Kacka und das Klopapier“. Ansonsten verstopfen die Rohre. Außerdem wird nicht gelaufen oder gesprungen. Das Schiff ist aus Stahl und man hört jeden Schritt. Gerade wenn sie über meiner Kabine laufen fühlt es sich so an als ob sie auf meinem Kopf rumtrampeln.

Meist am nächsten Morgen kommt dann meine Ansprache an die Gäste: Die Segeleinweisung.

Wie läuft das ab wenn wir die Segel vorbereiten, wie werden die Segel gehisst, an welchen Seilen muss man ziehen, wie wird das Seil festgemacht und wie werden die Segel dann auch wieder eingepackt. Was passiert beim An- und Ablegen und vor allem was passiert wenn die Gäste nicht auf den Skipper oder den Matrosen hören.

Soweit die Theorie, in der Praxis kommt es eh nochmal gaaaanz anders.

Und nach einer Tour gehen die Gäste dann mit vielen Eindrücken, neuen Erfahrungen und Erlebnissen glücklich von Bord. Ich kann das sagen, denn so ein Feedback bekommen wir. Die Gäste hatten Spaß und das ist die Hauptsache. Ob herzliche Verabschiedungen oder liebevoll gebastelte Geschenke an denen Trinkgeld angebracht ist, es ist immer wieder schön zu erleben wie dankbar und erfüllt unsere Gäste sind wenn sie von Bord gehen.

Wieder „Zuhause“
Eine Tour beginnt und endet in Enkhuizen und es ist schon ein bisschen das Gefühl nach Hause zu kommen wenn wir in die Hafeneinfahrt von Enkhuizen fahren. Viel bekomme ich von den Einfahrten der Häfen nicht mit denn ich bin damit beschäftigt die Gäste dazu zu bringen die Segel herunter zu lassen und richtig einzupacken. Das erfordert viel Ansporn und Aufmerksamkeit denn die Gäste kommen auf die verrücktesten Ideen wie man es NICHT macht.

Aber am Ende liegt die Novel wieder ruhig an ihrem Platz im Hafen und wir verabschieden unsere Gäste.

Und dann beginnt die Arbeit neben der Segelei. Das Schiff muss wieder für die nächsten Gäste hergerichtet werden. Betten beziehen, durchsaugen, wischen, Küche und Aufenthaltsraum sauber machen, WCs, Duschen und Kabinen wieder auf Hochglanz bringen. Und dann muss das Deck auch noch geschrubbt werden. Da die nächsten Gäste meistens noch am selben Tag an Bord kommen haben wir nur wenige Stunden Zeit. Aber mit vereinten Kräften (meistens sind wir fünf Leute) schaffen wir das in gut drei Stunden. Und das Schöne dabei ist, die Stimmung ist immer gut. Jeder hat mal einen Spruch auf Lager und es wird immer gelacht. So macht sich die Arbeit fast von allein.

Nach getaner Arbeit kocht Margreth uns noch etwas. Das Essen ist wirklich immer sehr gut. In Deutschland sagen wir dazu „die gute Hausmannskost“. Gute Zutaten, lecker zubereitet. Ich fühle mich oft in meine Kindheit zurück versetzt, nur jetzt auf niederländisch. Nach dem Essen ist Pause angesagt. Das leckere Essen muss erstmal verdaut werden und nochmal kurz durchatmen bevor die neuen Gäste kommen. Dann geht das Ganze wieder von vorne los.

Vorstellung Novel
Vielleicht ein paar Eckdaten zum Schiff um das Vorstellungsvermögen etwas mehr zu unterstützen. Die Novel ist 1897 gebaut und war früher als Frachtschiff unterwegs. Arnold hat sie 2002 gekauft und 2008 renoviert. Er hat den kompletten Innenausbau gemacht. Das Besondere: Vieles ist aus Holz. Dadurch sieht alles sehr edel, gemütlich und gleichzeitig zeitlos aus. Auch an Deck sind Sitzbänke, Türen und Kisten aus lackiertem Holz.

Wenn wir mal nicht segeln, dann wird das Schiff gepflegt. Das Deck abschleifen und neu streichen dauert dann schonmal mehrere Tage. Mein erster Kratzer, den ich vorne verursacht habe, wird sofort behandelt. An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass ich fast geheult habe als das Schiff gegen die Hafenmauer scheuerte weil ich die Fender falsch aufgehängt habe. Ich lief zu Arnold um es ihm zu beichten, doch der lachte nur und sagte: „Ja, dann musst du jetzt streichen!“

Ingesamt ist die Novel 40 Meter lang, wiegt 200 Tonnen, hat einen Tiefgang von ca. 1,50 m und die Masten sind 26 m hoch. Die Gäste ziehen jeden Tag fast 400 qm Segel hoch, an einigen Kilometern Seil. Alles ist hier ein bisschen größer und schwerer. Ich gewöhne mich langsam daran und bin gespannt wie es ist wieder auf einem Segelboot von 15 Metern Länge zu segeln. Gerade wenn wir Segler an Bord haben, geht es ihnen wie mir am Anfang: Das Einzige was dieses Schiff mit einem Segelboot gemeinsam hat, ist dass man es segeln kann. Alles andere ist anders. Und trotzdem habe ich nicht nur die Novel sondern auch die lieben Menschen um mich herum sehr gern. Die Zeit hier an Bord ist wirklich etwas besonderes und ich freue mich noch auf die vielen Touren die da kommen und die vielen Tage, an denen keiner wie der andere sein wird.

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