Der Traum und die Realität

Ein Segelboot kaufen und dann um die Welt segeln. Das ist der Traum vieler. Auch ich möchte mich davon nicht ausschließen. Die Vorstellung frei zu sein, eins mit dem Wind, dem Meer und dem blauem Himmel bis zum Horizont unter den strahlend weißen Segeln. Es klingt einfach nur traumhaft. Und genau das ist es auch. Allerdings ist das nicht die ganze Wahrheit. Es gibt immer zwei Seiten einer Medaille und der Preis für diese eben genannte Vorstellung ist nicht gerade billig. Ich habe bis jetzt schon einen guten Eindruck davon bekommen und ich möchte es hier teilen. Nicht weil ich Träume zerstören, sondern sie zum Leben erwecken will.

Erstmal ein Boot kaufen
Wenn es um ein Auto geht, dann kann man direkt seine Postleitzahl auf diversen Online-Plattformen eingeben und mit etwas Glück steht das neue Auto in der selben Stadt, vielleicht auch ein paar hundert Kilometer weiter. Ein Boot kann schon mal ein paar tausend Kilometer weiter liegen und dann fliegt man da einfach hin und schaut es sich an. Und wenn das Boot das neue Zuhause sein soll, dann ist es vielleicht auch nicht gerade das erstbeste. Hier ist schon viel Zeit, Geduld und Geld gefragt um das richtige Traumschiff zu bekommen. 

Ist es dann irgendwann das eigene, bekommt es nicht nur einen eigenen Namen sondern auch eine Generalüberholung, denn gerade gebrauchte Boote benötigen meistens viel Pflege bevor es überhaupt den Hafen verlässt. Generell sprechen wir hier von einer zusätzlichen Investition von 50% des Kaufpreises. Und Boote sind nicht gerade eine günstige Investition. Hinzu kommt die ständige Pflege, Benzin, Öl etc. für den Motor und die ein oder andere Versicherung. Die jährlichen laufenden Kosten machen etwa 10% des Kaufpreises aus. Es kommt natürlich immer auf die Umstände an. Nicht nur welches Boot sondern auch welches Meer, welcher Hafen und wieviele Meilen man so unterwegs ist. Es ist halt eine Daumenregel.

Auf große Fahrt
Wenn alles eingerichtet, generalüberholt und vor allem der Motor tip top ist, kann es losgehen. Ich bin gerade auf einem Boot, dass liebevoll „die alte Lady“ genannt wird. Wenn man bedenkt, dass Liberty und ich ein Jahrgang sind, komme ich so manchmal ins Grübeln. Sei es drum. Jeder ist so jung wie er oder sie sich fühlt. Liberty ist gut unterwegs doch die meisten Probleme passieren natürlich direkt bei einem Einsatz des jeweiligen Teils oder auf hoher See.

Wir hatten schon direkt in der ersten Bucht nach dem Ablegen im Hafen, rund 14 Meilen später, ein Ankerproblem. Ganz einfach, der Anker ist elektrisch betrieben und ließ sich nicht ins Wasser lassen. Zum Glück hat man von allem etwas mehr an Bord, in unserem Fall insgesamt vier Anker. Zwei haben dann letztendlich gehalten und nach einem Tag Analyse und Reparatur war das Ankerthema gelöst.

Ein älteres Boot hat auch einen älteren Motor, meistens jedenfalls. Blöd ist wenn dieser zu heiß wird und das direkt nach dem Auslaufen, bevor man überhaupt in den Wind kommt und eine Chance hat Segel zu setzen.

Ein älteres Boot hat eventuell auch ältere Batterien und wenn diese unter Motor nicht aufgeladen werden, dann gibt es halt auf dem Boot keinen Strom. Keinen Strom bedeutet keinen Kühlschrank, keinen Gefrierschrank, kein Licht. Ok, das sind vielleicht noch Luxusprobleme aber es bedeutet auch kein Wasser denn die Pumpe wird auch mit Strom angetrieben. Wir haben einen guten Generator an Bord. Er hilft uns zumindest etwas mit Strom zu versorgen und die zwei Solarpanels unterstützen zusätzlich. Aber für ein normales Leben an Bord ist das einfach nicht ausreichend. 

Aktuell sind wir bereits sechs Tage ohne fließend Wasser und das bei rund 30 Grad täglich. Da bedeutet, dass nicht mal Händewaschen drin ist geschweige denn frisches Obst oder Gemüse aufbewahren.

Lösungen müssen gefunden werden und das meist in einem fremden Land, in einer fremden Bucht irgendwo im nirgendwo. Glücklicherweise ist die Segelgemeinde groß und hilfsbereit. Hier wird niemand allein gelassen. Jeden Tag fragt man sich ein bisschen mehr durch und irgendwann kommt ganz bestimmt Rettung. Doch bis dahin ist Geduld und Improvisation gefragt. Beides mehr als gedacht. Das Leben auf dem Wasser spielt sich definitiv langsamer ab.

Und noch was
Die Segelwelt ist eine ganz eigene. Ich vergleiche es gern mit einem Campingplatz auf dem Wasser. Wenn viele Boote in einer Bucht sind und wir waren zwischenzeitlich bis zu über 50 Boote, dann wird jeden Morgen ein Radio gestartet. Ich habe es bereits im letzten Beitrag kurz angedeutet. Das fördert nicht nur die Gemeinschaft sondern hier kann man auch sein Problem loswerden und andere wissen vielleicht eine Lösung. Eine gute Sache. Aber auch hier ist mir aufgefallen, dass es eben eine eigene Welt ist. Mit den Einheimischen haben die Segler hier kaum etwas zu tun, es sein denn sie bestellen in einer Bar eine Margarita oder gehen maximal in ein einheimisches Restaurant. Das Leben passiert eben auf dem Wasser und nicht an Land. Man ist vielleicht an den entlegensten Orten oder auch an besonderen oder berühmten Orten, ohne aber wirklich etwas von dem Land mitzubekommen, sich mit Einheimischen austauschen und zu lernen. Vielleicht muss das auch nicht sein.

Ein Bootsbekannter von unserem Captain hat gesagt „Ich habe mir ein Boot gekauft, weil ich allein sein will.“ Vor diesem Hintergrund verstehe ich das auch ein bisschen.

Und was ist jetzt mit dem Traum?
Träume setzen Ziele und motivieren zur Veränderung. Der Traum mit einem Segelboot die Welt zu umsegeln oder auch nur einen Teil, ist definitiv einer der schönsten. Allerdings auch einer der schwierigsten. Lebe deine Träume, aber bedenke alles hat seinen Preis. Und es gibt auch Alternativen wie zum Beispiel bei jemanden für eine gewisse Zeit mit zu segeln, so wie ich es tue. Die Verantwortung über das Boot liegt nicht auf meinen Schultern, ebenfalls nicht der finanzielle Aspekt. Es ist ein Abenteuer aber das Gefühl von Freiheit bleibt und genau das macht das Segeln aus.

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