Die traurige Realität

So euphorisch, dass wir die Grenze zu Portugal bezwungen haben, so enttäuscht waren wir als wir die Animal Association erreichten. Vorab hat uns Elizabeth einige Fotos und Videos geschickt. Ja, es sah recht einfach aus. Kein Vergleich zu der Finca. Aber die Menschen auf den Bildern sahen glücklich aus, hatten die Tiere auf dem Arm, aßen und lachten miteinander.

Die Realität sieht ganz anders aus.

Im Regen kamen wir an. Kellie winkte uns schon vor dem Tor zum Gelände. Sie begrüßte uns sehr herzlich. Kellie kommt ursprünglich aus England und ist auch ein Workaway. Bereits seit 6 Wochen lebt und arbeitet sie auf der Farm.

Das Haus ist etwas abgeschirmt mit einem Gitterzaun, der mit schwarzer Plastikplane verhangen ist. Kellie führt uns durch eine spärlich gebaute und verhangene Tür ins innere des Areal. Ein weiteres Tor aus einer Holzpalette musste geöffnet werden. Wie eine kleine Schleuse, damit die Hunde nicht rauslaufen.

Elizabeth kam aus dem Haus. Eine vollschlanke Frau, Ende 50 mit schulterlangen, grauen Haaren und schlechten Zähnen grinste uns an. Ihre Klamotten waren unfassbar dreckig und sie stank erbärmlich. Ok wir sind hier auf einer Farm. Da ist das schon etwas nachvollziehbar. Als sie uns allerdings in die Küche führte traf mich der Schlag. Gleich am Eingang steht ein Holztisch mit zwei Bänken. Beides mit einer Schicht Dreck überzogen. Darüber flogen diverse Fliegen. Die eigentliche Küche dahinter war recht dunkel aber beim näheren Betrachten einfach nur dreckig. Der Schmutz lag überall. Egal wo wir hinsahen, es lag ein einziger brauner Schleier aus Staub und Dreck über allem. Dazwischen rannten diverse Hunde herum. Sie begrüßten uns freudig. Ein Hund namens Diva, ist der Liebling des zweiten und im Nachhinein wahren Hausherren Francois. Der Niederländer saß auf der Bank und schaute nur in sein Telefon während Diva auf Tisch und Bänke lief, natürlich mit dreckigen Pfoten.

Sei es drum. Kellie führte uns über die Farm.

Um das Haus herum hatten immer zwei Hunde ein umzäuntes Areal für sich. Wenn sie Glück hatten, dann war das Areal ca. 30 qm groß, es gab aber auch Käfige in denen zwei Hunde auf nicht mal 10 qm Platz hatten.

Wir kamen zu den Katzen hinter dem Haus. Ein Käfig, ca. 25 qm groß, in denen bestimmt 30 bis 40 Katzen leben. Angeblich alles nur Katzen, keine Kater. Claudia und ich sahen aber auf den ersten Blick gleich mindestens zwei schwangere Katzen. Die Tiere waren komplett eingezäunt, hatten diverse kleine Hütten und zwei Katzenklos.

Weiter gehts zu den Hühnern. Vorbei an der Ziege Barbara, die auf der Weide unweit des Hauses angekettet steht und vor sich hin grast. Die Hühner und Enten haben ein etwas größeres Gehege mit einem kleinen und versifften Teich. Manche Hühner laufen auch außerhalb des Zaunes. Sie bewegen sich frei auf dem Gelände, kehren aber immer wieder zum Gehege zurück wenn es Futter gibt.

Um in den Hühnerstall zu kommen, muss man an zwei Enten vorbei. Sie sind auf 2 qm eingezäunt und haben als Teich eine kleine Waschschüssel. Der Enterich heißt Hannibal weil er auch gern Hühner frisst und deswegen mit seiner weiblichen Mitbewohnerin von den anderen getrennt ist.

Im Hühnerstall sieht es, zu unserer Überraschung, recht sauber aus und es stinkt auch nicht.

Hinter dem Hühnerstall geht es zu den Katern. 3 qm im Stall und weitere 3 qm draußen soll reichen für vier Kater. Ein Kater rennt immer im Kreis wenn jemand kommt, ein weiterer ist verletzt, die Wunde heilt aber bereits. Es stinkt nach Katzenkot und Urin.

Zum Schluss besuchen wir die Pferde. Zwei Stuten und ein Hengst grasen auf dem Gelände rund ums Haus. Der Hengst Fernando ist ein besonderes Kaliber. Frech, neugierig und stolz zeigt er jedem wer der Herr hier ist. Ein schönes Tier.

Zurück am Haus fällt unser Blick auf die Dusche und das Klo. Ein Bretterverschlag, in blau-weiß gestrichen. Das Klo soll eigentlich ein Kompostklo sein. Rechts kleines Geschäft, links das große. Wenn man sein Geschäft verrichtet hat, wird Asche darüber geschüttet und dann später auf den Kompost geschüttet. Hier nicht. Man kann es machen wie man will, sauber ist hier eh nichts und wir mussten nach einer Möglichkeit zum Händewaschen fragen. Kellie organisierte kurzerhand eine Schale mit Wasser…

Die Dusche war bereits völlig vergammelt und fließend Wasser gab es hier auch nicht.

Nach diesem ersten Eindruck, parkten wir unseren Bus so, dass wir gut stehen, unweit des Hauses. Empfang war kaum vorhanden aber am Haus gab es WLAN.

Gegen 21 Uhr wurde das Abendessen serviert. Natürlich in der bereits beschriebenen Küche. Der Tisch wurde nicht sauber gemacht und man sah noch die Abdrücke der schmutzigen Pfoten von Diva. Mein erster Gedanke war: Zum Glück wird das Essen gebraten und gekocht und nicht roh serviert.

Wir setzen uns an den Tisch und bekamen gekochte Kartoffeln und zerkochtes, extrem öliges Gemüse, dazu für mich ein bisschen durchberatenes, trockenes Fleisch. Dieses Gericht sollte es auch die folgenden drei Tage geben. Jedes Mal wurde es mit dem Abendsessen später, bis ich gesagt habe, dass ich nicht so spät esse, Claudia noch am nächsten Tag morgens Bauchschmerzen hatte und wir früher essen werden. Das war für Elizabeth ok und sie hat uns auch mal Omelett, Brot mit Käse und Wurst oder Salat serviert. Spät am Abend hat Francois ihnen beiden ein festliches Mahl zubereitet. Wir konnten es riechen, bekamen aber nichts mehr.

Am ersten Arbeitstag zeigte uns Kellie noch alles, am zweiten machten Claudia und ich alles zusammen und dann wurde die Arbeit bereits unter uns aufgeteilt.

Erstmal haben wir bei den Katzen dafür gesorgt, dass sie wirklich saubere Klos haben, nichts mehr herum liegt und es nicht mehr ganz so stinkt. Katzen sind saubere Tiere und wir waren hier den ersten Tag gut beschäftigt. An dem Tag hat eine Katze auch ihre Jungen bekommen, obwohl sie ja, laut Elizabeth, gar nicht schwanger war.

Im Hühnerstall durfte kein einziges Stück Heu rumliegen. Alles muss feinsäuberlich ausgefegt und gespült werden. Warum? Keine Ahnung. Es war hinterher auf jeden Fall sauberer als in der Küche.

Die Hunde begrüßten uns immer freundlich wenn wir ihnen Futter und neues Wasser gaben. Ein großes Problem waren die Zecken. Sie waren überall an den Hunden und auch uns haben sie immer wieder angesprungen. Claudia zog etliche aus dem Fell und insbesondere aus den Ohren der Hunde. Ein Hund namens Spike strich mit seinen Ohren immer am Zaun entlang. So sehr, dass es schon anfing zu bluten. Claudia machte Elizabeth darauf aufmerksam. Diese tat erstmal nichts. Zum Glück kam zwei Tage später der Tierarzt und alle Hunde bekamen Tabletten gegen die Zecken und Spike dazu noch eine Infusion.

Wir sahen das alles als Herausforderung an. Es ist eine weitere Erfahrung und wir beschlossen es uns erstmal anzuschauen. Allerdings war schon wenig später klar, es geht so nicht weiter für uns. Wir können hier einfach nicht bleiben. Wir können den Tieren nicht helfen, wir können diese beiden Menschen die hier in ihrem eigenen Dreck leben nicht ändern. Dazu musste ich auch noch irgendwie zwischendurch arbeiten. Es war kaum möglich. Da ich WLAN dazu brauche, musste ich beim Haus sitzen um am Rechner zu arbeiten. Wo sollte ich mich niederlassen? Zum Glück hat Kellie für ein bisschen Sauberkeit gesorgt, so dass wir wenigstens draußen vor dem Haus einen halbwegs sauberen Tisch hatten. Ich war jedoch nervlich mit dieser Situation so fertig, dass an Arbeiten nicht zu denken war.

In den nächsten Tagen versuchten wir wenigstens ein bisschen Glanz in diese triste Gegebenheit zu bringen. Nach und nach konnte Kellie Elizabeth dazu bringen, dass sie damit einverstanden war, dass wir die Hunde mal über das Gelände führen, damit sie etwas anderes schnüffeln als ihren eigenen Dreck in ihrem Käfig.

Alle Hunde waren zwar zuerst sehr aufgeregt aber dann total lieb wenn wir mit ihnen unterwegs waren. Sie sind absolut vermittelbar. Nach außen ist das Konzept dieser Association, dass sie hilfebedürftige Tiere aufnehmen, sie pflegen und dann wieder vermitteln. Die Realität ist, dass sie sich im wahrsten Sinne des Wortes einen Dreck um die Tiere scheren. Sie benutzen sie um an Spenden zu kommen, weil sie selbst keine Einkommen haben. Wir haben mit Kellie und mit anderen ehemaligen Workaways gesprochen. Diese hatten in der Vergangenheit Ärger mit Elizabeth und Francois, weil sie sich nicht so behandeln lassen haben, wie Francois es wollte. Also wurden sie auf ein anderes Gelände versetzt. Es gab so viele Fakten und Geschichten was sie uns erzählt haben. Kellie öffnete sich uns und war mit den Nerven bereits am Ende. 6 Wochen auf der Farm ohne einen einzigen freien Tag. Die Regel ist: Fünf Tage arbeiten, zwei Tage frei. Wir hatten nicht einen Tag frei.

Geschlafen haben wir im Bus. In dem Haus zu übernachten ist undenkbar und wurde uns auch nicht angeboten. Wir haben in der Zeit unseren Bus als eine Insel angesehen. Hier ist es sauber. Hier fühlen wir uns wohl. Unsere Klamotten haben wir jedes Mal ausgezogen, bevor wir den Bus überhaupt betraten.

Nach einer Woche haben wir uns von diesem Ort wieder verabschiedet. Weg nur weg. Raus aus diesem Dreck. Wir ermutigten Kellie auch zu fliehen. Sie hat sich das zu Herzen genommen und plant bereits ihre Abreise.

Update: Inzwischen ist auch sie abgereist und uns unglaublich dankbar, dass wir sie dazu ermutigt haben. Wenigstens konnten wir einem Menschen in dieser Situation helfen und etwas bewirken.

Ich könnte noch so viele Geschichte erzählen. Über die Tiere über die beiden Menschen und über ihre märchenhaften Verschwörungstheorien. Über den letzten Versuch Claudias, Francois auf die Situation aufmerksam zu machen und, und, und. Es würde den Rahmen hier sprengen. Wer mehr wissen will, kann mich gern anrufen 🙂

Wer sich die Website ansehen will, der kann das hier tun. Die Realität haben wir unten in Bildern festgehalten. Ich bearbeite meine Bilder und es wirkt hier vielleicht nicht ganz so trist aber ich hoffe trotzdem, dass sie diesen traurigen Ort widerspiegeln.

Ich bin schon wirklich viel auf der Welt unterwegs gewesen. Ich reise individuell und hab schon wirklich viel gesehen. Ich bin nicht sensibel und immer offen für Herausforderungen und neue Erfahrungen. Ein Plumpsklo ist total ok für mich, Arbeit im Stall, sich dreckig machen ist kein Problem. Aber was dieser Ort uns gezeigt hat, war schon echt grenzwertig.

Am Ende saßen wir einfach nur noch da, traurig, fassungslos, antriebslos mit nur einem Gedanken: Weg!

Nach einer Woche verließen wir diesen Ort. Überlassen den Tieren ihrem Schicksal und hoffen, das weitere Workaways kommen, damit wenigstens die Tiere ein bisschen Glanz verspüren. Eine Erfahrung ist dieser traurige Ort auf jeden Fall und wir sind im Nachhinein wirklich stolz darauf, dass wir uns darauf eingelassen und eine Woche geschafft haben.

Zur Regeneration sind wir wieder zurück nach Spanien gefahren. Unser zweites „Zuhause“ Punta Umbría ist das Ziel. Vorher haben wir sämtliche Klamotten, teilweise heiß, gewaschen und alles sauber gemacht. „Dekontamination“ haben wir es genannt. Und so langsam erholen wir uns von dieser Erfahrung.

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1 Kommentar zu „Die traurige Realität“

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