Mitten drin

Es gibt etwas, was das Leben auf Reisen so besonders macht: Du weißt nicht was am nächsten Tag passiert. Noch während ich in Portugal auf dieser Farm war, bekam ich eine Nachricht über die Plattform workaway.info von Clara. Sie hat mein Profil gesehen und fragt mich ob ich zwei Wochen bei ihnen in der Sierra Nevada aushelfen kann bis eine neue Volontärin kommt. 

Ich war nach der letzten Erfahrung natürlich vorsichtig. Wir telefonierten und nicht nur Clara sondern alles was mich dort erwarten würde, klang wundervoll. Also habe ich zugesagt.

Ich habe für mich inzwischen entschieden, dass ich die nächste Zeit erstmal allein reise. Wer mich kennt, weiß was für ein freiheitsliebender Mensch ich bin und ich muss frei sein um mein eigenes Leben zu führen. Für Claudia ist das absolut verständlich und wir haben uns NICHT getrennt sondern jeder geht erstmal seine eigenen Wege bis wir spätestens im Herbst wieder zueinander kommen werden.

Von Málaga dauert es gut zwei Stunden bis man in dem kleinen Ort Picena mitten in der Sierra Nevada ist. Ich sollte Busser hier erstmal parken und werde abgeholt hieß es. Auf einmal tauchte eine Art Wüstenbuggy auf. Voller Freude, mit einem freundlichen, offenen Lachen und natürlich auf Spanisch begrüßte mich Antonio, Claras Mann. Ich wusste von ihr, dass ich fast ausschließlich nur mit ihm unterwegs sein werde. Er spricht nur spanisch und ich nicht. Aber nach dieser Begrüßung war an sowas wie Berührungsängste nicht zu denken. Antonio und sein Freund nahmen mich in dem Buggy mit zu einem Geburtstag. Und plötzlich fand ich mich da mitten in der Sierra Nevada, an einem Tisch mit sechs Leuten, in einer schönen Finca und hatte schon das erste Glas Wein vor mir stehen. Alle gaben mir das Gefühl als sei ich schon ewig dabei. Antonio machte ein Witz nach dem anderen und es war ihm völlig egal ob ich ihn verstehe oder nicht. Es war einfach alles ganz herzlich. Wir sangen dem Geburtstagskind, ein 57 jähriger Freund der Familie, ein Lied, aßen Kuchen, tranken Wein aus eigener Herstellung, lachten und tanzten sogar miteinander. Es war so voller Lebensfreude und Unbeschwertheit und jeder strahlte mir ein unglaubliche Herzlichkeit entgegen. Ich bin noch keine 24 Stunden hier und schon mitten drin.

Erst als es dunkel wurde, sollte ich meine neue Bleibe kennenlernen. Ein kleines Haus mit einem Hof im Tal der Berge. Neben Clara, Antonio und ihren drei Kindern wohnen auch die Eltern von Antonio hier. Das Haus ist sehr gemütlich. Der Kamin und der große Esstisch bilden den Mittelpunkt des Raumes. Ich habe sogar mein eigenes Zimmer. 

Am nächsten Morgen herrschte das Chaos im Haus. Wie es eben so ist wenn die Kinder zur Schule müssen. Antonio zeigte mir was ich morgens zu tun habe: Hunde, Maultiere und vier Pferde versorgen. Dann ging es direkt zur Bar Paco. Hier treffen sich die Männer. Sie trinken Kaffee und den ein oder anderen Hochprozentigen und unterhalten sich über Gott und die Welt. Ich verstehe natürlich gar nichts. Aber egal. Nach gut einer Stunde gehts dann in die Berge. Antonio hat seine zwei Hunde dabei. Das Haupteinkommen bekommt die Familie durch den Verkauf von Fleisch der Kühe, die hier frei rumlaufen dürfen. Antonio kontrolliert ob die Tiere auf der Straße sind. Er lässt seine Hunde raus und diese treiben die Kühe dann wieder rauf auf die Berge. Ich bin völlig fasziniert wie gut nicht nur die Hunde sondern auch die Kühe auf die Pfiffe und Laute von Antonio hören.

Unser eigentliches Ziel war ein Strohballen-Lager auf einer Wiese hinter dem Berg. So habe ich an meinem ersten Arbeitstag ca. 40 Strohballen zwei Mal umgeschichtet. Ein Fitnessstudio ist hier auf jeden Fall nicht notwendig.

Mittags geht es wieder zu Paco und ich bekam ein Bier vorgesetzt. “Nach viel Arbeit, gibt es ein Bier” erklärte Antonio.

Um 14 Uhr kommen die Kinder aus der Schule und es gibt Essen für die ganze Familie. Gekocht wird es von der Abuela (Oma).

Nach einer weiteren Strohballen-Ladung zeigte mir Antonio nachmittags seine Maultiere, die sie etwas weiter weg bei einem Freund auf der Weide stehen haben. Es sind wunderschöne und sehr ruhige Tiere. Clara und Antonio wollen Maultier-Trekking durch die Sierra Nevada anbieten. Das haben sie schon lange vor aber Clara will es jetzt wirklich angehen und ich helfe ihr natürlich bei der Werbung.

Hier geht ein Tag schnell vorbei und auch abends muss ich die Tiere auf dem Hof versorgen. Gegen 22 Uhr gibt es dann Abendessen und natürlich Cerveza und Vino. Um 23:30 ist dann frühestens Ruhe. Uff, daran musste ich mich erstmal gewöhnen.

Am nächsten Tag, nach dem Kaffee bei Paco, arbeiteten wir im Haus. Die Familie hat auf dem Haus eine weitere Ebene gebaut. Hier werden die Eltern von Antonio leben. Sie sollen ihr eigenes Reich bekommen.

Clara und ich haben das Schlafzimmer komplett gestrichen, während die Männer die Küche fliesen. Hier war übrigens Beratung von ALLEN gefragt welche Fliesen jetzt eingesetzt werden. Eine schier endlose Diskussion. Das Ergebnis kann sich aber sehen lassen.

Ich habe mit der Familie, mit diesem Ort wirklich Glück und fühle mich unglaublich wohl. Außer “Hallo” und “Guten Tag” konnte ich nichts auf Spanisch. Es wird mit jedem Tag mehr und Antonio gibt sich wirklich Mühe, dass ich ihn verstehe. Klar, ich bin ja auch die ganze Zeit mit ihm unterwegs. Da geht nur Spanisch.

Es gibt drei wichtige Dinge hier in Andalusien erklärte er mir: “Cerveza/Vino, Kaffee y trabajo” – Bier oder Wein, Kaffee und Arbeit.

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