Alles hat seine Zeit

Mir war klar, vor mir liegt eine schwere Zeit mit viele Gesprächen, unangenehmen Situationen und großen Gefühlen wie Hoffnung, Liebe, Angst und Ungewissheit. Ich war bereit diese Zeit zu erleben. Doch mir war nicht klar wieviel Kraft mich das alles kosten wird.

Als wir uns in den Bergen wieder trafen, sagte er mir, dass er mich will er aber nicht weiß ob das mit uns funktioniert. Er habe Angst davor. Ich bin ein freiheitslebender Mensch auf Reisen und er ist an seinem Leben hier gebunden. Ich sagte ihm, dass wir nie wissen was die Zukunft bringt. Wenn er ein sicheres Leben will, dann soll er sein Leben mit IHR verbringen. „Dafür sind die Gefühle für sie nicht stark genug“ war seine Antwort.

Ich blieb einige Tage mit Busser in den Bergen. Ich habe ihr mitgeteilt, dass ich wieder da bin. Es folgten dramatische textliche Auseinandersetzungen zwischen uns dreien über WhatsApp und ich fragte mich mal wieder wohin das alles hier führen wird.

Eines Morgens kam sie zu mir. Mit den Worten „Ich habe dir Frühstück mitgebracht“ redeten wir ausgiebig, offen und ehrlich. Das Problem war, dass sie für einige Tage wegfährt und nun dachte, ich komme aus diesem Grund zurück um ihren Platz einzunehmen. Alles ein einziges Missverständnis. Ich hatte tatsächlich vergessen, dass sie wegfahren wollte und ihren Platz einnehmen, dass will ich um keinen Preis der Welt. Das Gespräch war gut. Wir wollten Freundinnen werden. Wir wollten alles offen und ehrlich besprechen. Das Wichtigste ist miteinander zu reden. Sie wollte, dass ich runter in das Cortijo komme und IHN mit den Kindern unterstütze während sie weg ist.

Am Ende habe ich sie sogar zum Flughafen gefahren. Ich hatte ein gutes Gefühl. Wir schaffen das irgendwie und ich mache das, weil ich meinen starken Gefühle zum ihm vertraue. Weil ich an uns glaube.

Doch dann kam ein Todesfall in die Familie und die ganze Situation änderte sich mit einem Schlag. Sie kam früher von ihrer Reise zurück und die Karten wurden neu gemischt. Wie kommen wir jetzt miteinander klar? Ich würde nicht mit ihr unter einem Dach schlafen. Das schaffe ich einfach nicht. Also haben wir beschlossen, dass ich in das kleine Haus in den Berge gehe. Hier fühle ich mich frei und bin für mich und wenn er will, kann er zu mir hochkommen. Soweit die Theorie.

Wir hatten schöne, gemeinsame Momente. Ein Mal im Jahr werden die Kühe aus den Bergen zusammengetrieben und die Kälber von ihren Müttern getrennt. Sie werden später verkauft.

Frei lebende Kühe zu finden und dann auch einzusperren ist nicht so leicht. Das dauert Tage, wenn nicht sogar Wochen.

Er gab mir das Vertrauen, dass ich jetzt allein mit dem Pferd und zwei Hunden die Kühe finde und sie dann zusammentreibe. Also war ich in der nächsten Zeit damit beschäftigt Kühe zu finden und meist mit ihm zusammen zu treiben, die Kühe von den Kälbern zu trennen um diese dann nach unten in Cortijo zu transportieren. Ich hatte schon ein bisschen das Gefühl ein Cowgirl zu sein. Auch wenn die Arbeit anstrengend war, war es doch schön da oben in den Bergen, zusammen mit ihm und den Tieren. Wir arbeiteten wieder zusammen, lachten und alberten wie kleine Kinder herum. Den Hauch von unserer gemeinsamen, unbeschwerten wenn auch geheimen Vergangenheit spürten wir in diesen Momenten beide.

Doch wer meine Geschichte bis hierhin verfolgt hat, der ahnt es sicherlich schon. Bei all der Cowboy-Romantik, es wird so nicht funktionieren. Auch ich wusste das von Anfang an hatte aber immer Hoffnung und vor allem diesen einen Gedanken „er will mich“ und unsere Gefühle sind doch so stark. Wir haben sowas beide noch nie vorher erlebt. Das muss doch reichen um diese Situation zu meistern. Doch mein Bauchgefühl sagte etwas anderes und das hat mich noch nie getäuscht.

In der nächsten Zeit folgten viele, sehr viele Gespräche vornehmlich zwischen ihm und ihr. Sie streiten, diskutierten und drehten sich dabei immer wieder im Kreis. Ich war mal wieder dazwischen und auch ein Grund ihrer Auseinandersetzungen. Ich habe mit ihm Stunden über seine Situation gesprochen. Er hat mir erzählt wie unglücklich er mit sich selbst ist, mit seinem Leben und warum es mit ihr nicht funktioniert. Er will sie, aber dann auch wieder nicht. Er will das alles so nicht mehr. Er ist müde. Warum sei es mit mir so einfach, so schön und mit ihr funktioniert es nicht?

Ich hörte ihm immer und immer wieder geduldig zu. Sprach Dinge aus, die er nicht aussprechen wollte. Stellte ihm Fragen, die er sich selbst nicht traute zu fragen. Und gab ihm Antworten, die er eigentlich selbst schon wusste. Doch er kam nicht weiter. Er verstand es einfach nicht. Die Beiden drehten sich in ihren Gesprächen immer wieder im Kreis. Wie können zwei Menschen, die die selbe Sprache beherrschen und sich lange kennen so viel miteinander reden und sich dabei doch nicht verstehen? Und nach außen hin war alles wie immer.

Ich habe dabei meine Gefühle immer zurückgehalten. Bin abgestumpft und habe meine Rolle als gute Freundin behalten um ihm und auch ihr eine Stütze zu sein. Der Todesfall nimmt ihn sehr stark mit und veränderte bei ihm so einiges. Ich wollte einfach für ihn da sein.

Doch wenn man seine Gefühle zurückhält, ist es so wie mit Bällen, die man versucht unter Wasser gedrückt zu halten. Sie kommen irgendwann hoch. Ob du willst oder nicht.

Trotz dieser vielen Stunden intensiver Gespräche die er mit ihr führte und der Tatsache, dass er mit ihr nicht glücklich ist wie er mir sagte, verbrachte er die Nächte immer öfter mit ihr und den Kindern. Ich fragte jedes Mal warum. Mir reichte eine plausible Erklärung. Nur die Erklärungen waren nicht plausibel.

Die Nächte in der ich alleine war häuften sich. Ich genoss die Ruhe in den Bergen. Hier konnte ich durchatmen und nachdenken. Aber auch hier war ich allein. Ich musste sogar einige Nächte alleine, ganz alleine im Cortijo schlafen. Es war für mich fast unerträglich. Ich fühlte mich immer einsamer. Wurde trauriger und ruhiger. Er fragte mich warum ich so traurig bin. Allerdings brachten ihn meine direkte Ehrlichkeit nur noch mehr in Rage. Er fühlt sich verantwortlich für diese ganze Situation. „Es ist kompliziert, es ist schwer.“ waren immer wieder seine Worte. „Nein, das ist es nicht.“ sagte ich ihm immer wieder. Überlege dir was du willst und treffe eine Entscheidung. Genau das verlangte er auch von seiner Frau. „Warum machst du deine Entscheidung für dein Leben abhängig von Entscheidungen anderer?“ — „Ich weiß es nicht.“ war oft seine Antwort. Ich glaube was die beiden gemeinsam haben ist, dass sie sich beide nicht entscheiden können und nicht wissen was sie wollen. Dabei ist große Angst im Spiel. Angst vor der Ungewissheit und vor allem Angst davor allein zu sein. Und das alles wird nach außen hin jeden Tag hinter der Maske des Lächelns versteckt.

All diese Gespräche, all diese Gefühle, all diese Zeit in der ich allein war, nahmen mir unendlich viel Kraft und der Glaube daran, dass es gut werden wird schwindet mit jedem Tag mehr. Waren wir überhaupt noch real? Gab es uns noch? Oder sind wir in dem Meer von Worten ertrunken und haben es nicht mal gemerkt? Ich war nur noch in Warteposition wann er denn zu mir kommt, mit mir Zeit verbringt und mir Aufmerksamkeit schenkt. Es war wie damals bevor ich das erste Mal ging. Die Erkenntnis war da, es wird sich nichts ändern es sei denn ich ändere etwas.

Und so habe ich ihn eines Tage gefragt, ob er glücklich mir ihr ist. Er antwortete nicht direkt sondern versuchte es wieder mit den Worten „Es ist kompliziert, es ist schwer“. Ich wolle aber wissen ob er glücklich mit ihr ist. Da sagte er, dass er nicht glücklich mir ihr sei, nicht glücklich mit mir und nicht glücklich mit sich selbst. Nur wenn er glücklich sei, dann weiß er was er will. Ich sagte „Ok, du weißt, nur du kannst das ändern. Nur du kannst dein Leben ändern und ich werde morgen gehen.“

Mit diesen Worten endete vorerst an dem Tag unser Gespräch. Wir fuhren in eine Bar, weil er jemanden treffen wollte und wir tranken dort einiges und ich traf sogar einen guten Freund von ihm wieder. Als sei nichts gewesen. Nach einiger Zeit musste ich die Bar verlassen, weil ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. Ich konnte die Bälle nicht mehr unter Wasser halten. All meine Gefühle kamen hervor. Diese ganze Trauer, Wut und Enttäuschung befreiten sich in meinen Tränen und ich konnte nicht aufhören zu weinen. Ich rief meine besten Freunde an. Erzählte ihnen von meiner Entscheidung und sie halfen mir wieder auf. Sie unterstützen mich so sehr. Es war Zeit zu gehen. Es geht nicht mehr. Und das musste ich mir jetzt eingestehen.

Nach einer ganzen Weile verließen wir das Dorf. Er wollte mich in den Bergen an dem kleinen Haus absetzen und dann nach unten zur seiner Familie fahren. Warum? Warum bleibt er nicht bei mir, selbst wenn er jetzt weiß, dass ich morgen fahre? All meine Fragen blieben unbeantwortet. Er suchte zwar nochmal das Gespräch aber wir kamen zu keinem Ergebnis. Ich sagte ihm immer wieder was ich wolle aber wenn ich mit einem Menschen spreche, der selbst nicht klar mit sich und von Angst erfüllt ist, dann führt es zu nichts. Es war an der Zeit zu gehen.

In den Bergen führten wir ein letztes Gespräch. Ein Gespräch mit vielen Gefühlen und Eingeständnissen doch am Ende ist er gegangen und am nächsten Tag habe ich diesen Ort an dem ich 5 Monate verbracht habe verlassen.

Wenn man sich für immer verabschiedet sagt man in Spanien „Adiós“. Wenn mann sich wiedersieht, sagte man „Hasta luego“. Wir sagten „Hasta luego“ zueinander. Ich weiß nicht wann das sein wird. Er sagte, dass ich jederzeit zurück kommen kann. Ich habe hier immer ein Zuhause. Ich sagte ihm, dass ich diese Situation nicht nochmal ertragen werde. Wenn sich die Situation nicht ändert, komme ich nicht wieder. Er blickte niedergeschlagen auf den Boden, verstand es aber. Vielleicht brauchen wir einfach Zeit, vielleicht aber auch nicht.

Doch in diesem letzten Gespräch mit ihm habe ich meinen Frieden gefunden. Ich wachte am nächsten Tag in der Ruhe der Berge auf, packte alles zusammen, bereitete meinen Weggang vor und fuhr dann schließlich ruhig und entspannt davon.

Die ganze Zeit fühlte ich mich wie in einem Käfig sitzend, in Erwartung Futter zu bekommen. Jetzt habe ich die Tür zur Freiheit gefunden und ich habe mein Leben wieder zurück.

Ich warte nicht mehr. Ich mache. Ich bin wieder unabhängig. Ich erkannte mich wieder.

Ich machte mich auf den Weg zu Claudia. Sie war in dieser Zeit eine große Stütze für mich. Sie besuchte mich sogar einige Tage zu meinem Geburtstag und stand mir in dieser Zeit besonders bei. Auf dem Weg lag die Arbeitsstelle von SEINEM Bruder. Ihn habe ich ins Herz geschlossen und ich wollte mich von ihm persönlich verabschieden. Er arbeitet auf einem Berg mit einem Rundumblick auf die Berge und auf das Meer. Ich erkannte die Dörfer in denen ich die letzten Monate gelebt habe. Ich schaute auf die Berge, in denen ich soviel Freiheit spüren konnte. Das alles lag dort vor mir. Die Welt, die ich mit so vielen Erinnerungen, Erfahrungen und Gefühlen verbinde. Die Welt in der ER lebt. Ich schaute ein letztes Mal auf diese Welt und sie erscheint mir plötzlich so klein.

Und was passiert jetzt? Ich habe mich zusammen mit Claudia dazu entschieden nach Panama zu gehen. Wir wollen in der Karibik überwintern. Diese Entscheidung steht schon etwas länger und in der ganzen Zeit war das mein Anker. Mein Ziel. So lange halte ich noch durch bis ich in den Flieger steige. Ich habe es nicht geschafft. Ich will nicht mehr aushalten sondern ich will leben und dafür habe ich mich dann doch früher entschieden als erwartet. Keine Wallnuss-Ernte sondern jetzt noch ein paar Wochen gemeinsam mit Claudia und ihrem Freund in Malaga verbringen und dann werde ich ein neues Kapitel in meinem Leben aufschlagen.

Und trotzdem bin ich in meinem Herzen bei ihm. Was die Zukunft für uns bringt kann ich mit seinen Worten beantworten: „Ich weiß es nicht.“. Doch immer wenn ich zu den Sternen hinaufschaue sehe ich ihn und wir sagen uns „Siempre aqui“.

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