Grenzerfahrung

So schnell lässt uns Spanien dann doch nicht gehen. Schon auf dem Weg zur Grenze nach Portugal fällt uns diese außergewöhnlich schöne Landschaft auf. Sanfte grüne Hügel, saftige Wiesen und Bäume. Da machte die Fahrt richtig Spaß. Sie endete allerdings fürs erste an der Grenze. Portugiesische Polizisten zogen uns an der Grenze raus und fragten uns warum wir nach Portugal wollen. “Zum Arbeiten” war unsere Antwort. Dafür brauchen wir Papiere die belegen, das wir einen Vertrag mit einem Arbeitgeber in Portugal haben, der bestätigt, dass wir wirklich eine Arbeit haben und dafür auch Gehalt bekommen.

Ich rief die Verantwortliche der Animal Association an, habe sie allerdings nicht erreicht. “Ohne Papiere, keine Weiterreise.” erklärten die Beamten wirklich sehr freundlich.

Was nun? Wir probieren es einfach an einem anderen Grenzübergang, etwas nördlicher. Jedoch hatten wir auch einen Plan B in der Tasche. Ein Parkplatz ca. 11 Kilometer von der Grenze entfernt, auf der spanischen Seite. Das soll unsere Ausweichstelle für die Nacht sein falls es mit dem Grenzübergang nicht klappt.

Das blaue Schild mit den gelben Sternen die den Namen “Portugal” umkreisen lag vor uns. Wir passierten die Grenze und keine Polizei weit und breit. In dem Moment rief Elizabeth von der Animal Association an. Wir sollen weiterfahren. Jetzt sind wir in Portugal. Wir sollen uns irgendwo abseit der Hauptstraße hinstellen und am nächsten Tag dann zu ihr kommen. Wir hatten schon einen abgelegenen Platz am See rausgesucht. Also los. Doch hinter der nächsten Kurve waren sie dann doch da. Zwei Polizeiwagen quer auf der Straße und vier Polizisten standen daneben in Erwartung auf die Grenzgänger.

“Umdrehen!” rief ich. Es muss schon sehr schräg ausgesehen haben, wie ein großer roter Bus auf die Beamten zukam und dann kurz davor direkt auf der Straße wendet und wieder umdreht. Es hat keinen Zweck. Wir kommen ohne Papiere nicht über die Grenze. Also doch der Parkplatz in dieser idyllischen Landschaft. Eine kurze Sprachnachricht an Elizabeth, wie die Lage ist und das wir nun wirklich Papiere brauchen und dann stehen wir da. Mitten im nirgendwo. Zwischen Oliven- und Korkbäumen in einer sanft hügeligen Landschaft. Unsere Nachbarn sind Esel, Pferde und ein Hund, der auf seine Schafe aufpasst, die mit ihren Glocken um den Hals die Luft erfüllen. Es ist schon fast kitschig schön. Immer wieder kommen Einheimische vorbei, schauen neugierig und grüßen dann ganz freundlich. Unweit von hier ist das Dorf Encinasola gelegen mit rund 1.300 Einwohnern. Encinasola heißt frei übersetzt “Der einsame Baum” und einsam ist es hier wirklich.

Wir erkunden ein bisschen die Gegend und treffen auf Dafne und Anna. Anna spricht in dieser Einöde auch noch Deutsch, Dafne ist Englisch-Lehrerin an der hiesigen Schule. Sie erklären uns, dass hier außer der Landschaft nichts los ist. Im Dorf kennt jeder jeden und wir werden sicherlich die Attraktion sein. Außerdem gibt es hier keine Ausgangssperre. Die Menschen gehen in die Bars und trinken. Das Dorf ist einfach zu klein für Corona so erzählten sie weiter.

Das müssen wir sehen. Abends spazieren wir ins Dorf und auf dem Weg dahin fällt uns eine Quelle auf. Könnte das trinkbares Wasser sein? Jetzt wollen wir erstmal das dörfliche Nachtleben erkunden. Einfach dem Geräuschpegel folgen und nahe der Dorfkirche werden wir im Restaurante El Emigrante fündig. Menschen sitzen drinnen und draußen und unterhalten sich angeregt. Wir bestellen an dem Abend 2 Bier und 2 Sangria und bezahlen dafür insgesamt 6 Euro. Das ist ein guter Preis. 

Der nächste Tag ist der Samstag vor Ostern und von Elizabeth haben wir noch nichts gehört. Wir müssen davon ausgehen, dass wir hier länger bleiben. Also brauchen wir das übliche: Essen, Wasser, Strom.

Auf ins Dorf und auf dem Weg dahin kamen wir wieder an der Quelle vorbei. Diesmal füllten zwei Männer unzählige Kanister mit Wasser ab. Allerdings stand auf einem Schild “Kein Trinkwasser”. Ich fragte die Männer ob das Wasser trinkbar ist. “Si, si” antworten sie mir und zeigen auf ihre Kanister. Wir haben eine Trinkwasserquelle direkt vor der Bustür. Das ist im Vanlife sowas wie ein 6er im Lotto. Doch erstmal brauchen wir etwas zu essen. Der Supermarkt im Dorf ist nicht besonders groß und daher mussten wir anstehen, denn so ganz hat Corona hier keinen Bogen drumherum gemacht. Aber das Ganze hatte System wie uns die Damen im schnellen Spanisch irgendwie erklärten. Nach gut 15 Minuten warten durften wir eintreten. Dieser Supermarkt hat alles was das Herz begehrt und das auch noch zu unschlagbaren Preisen. Inzwischen sind uns die spanischen Preise in verschiedenen Supermärkten bekannt, dieser schlägt alles. Er ist einfach der günstigste mit einer kleinen aber sehr guten Auswahl. Wir kauften ein als ob es kein Morgen gibt und schleppten alles über den gut einen Kilometer langen Feldweg in unseren Bus.

Hier sitzen wir nun. Mitten in einer natürlichen Idylle wie ich selten erleben durfte mit Trinkwasser vor der Tür. Die Sonne strahlt vom Himmel herab und versorgt uns nicht nur mittels Solar mit Strom sondern wärmt auch das Wasser in unserer Solardusche. Wasser ohne Ende und gutes Wetter, ein Supermarkt der unschlagbar im Preis-Leistungsverhältnis ist und diese unfassbar, nahezu magische Natur die unsere derzeitige Terrasse bildet. Die Menschen kennen uns inzwischen und grüßen uns immernoch freundlich. Das ist Vanlife!

Nach gut einer Woche mussten wir es wissen. Ist die Grenze vielleicht schon geöffnet? Offiziell hieß es, dass sie erst am 16. April wieder geöffnet wird. Claudia schnappte sich ihr Fahrrad und fuhr zur Grenze. Zwei Mal. Und jedes Mal wurde sie enttäuscht. Inzwischen haben die Portugiesen eine Kette über die Straße gespannt und mit einem Schloss abgeschlossen. Hier ist absolut kein Durchkommen.

Und dann kam auch noch die Polizei vorbei. Im wirklich schlechten Englisch erklärten sie mir, dass man an diesem friedvollen Ort nicht campen darf. “Aber wir schlafen doch in dem Bus” gab ich als Antwort und sie gaben uns noch zwei Tage, dann müssen wir weg sein. Also wurden wir zwei Tage vor der offiziellen Grenzöffnung aus dem Paradies vertrieben.

Und jetzt? Wir fuhren Richtung Portugal. Wir versuchen es einfach irgendwie über die Grenze zu kommen. Mittels Google Maps Satellitenansicht suchten wir nach Schleichwegen und wurden fündig. Also los.

Wir fahren einen wirklich schmalen Feldweg entlang. Wir kommen an ein Tor. Es ist offen. Wir müssen es nur wieder schließen, weil hier das Vieh frei herumläuft. Wir erreichen ein weiteres Tor und kommen durch. Und dann kommen wir an die Grenze und finden einen mehr schlecht als recht zusammen geflickten Zaun. Zwei Betonklötze lagen im Weg. Wir sehen uns das genau an und ich bemerke frische Autospuren, die quasi durch den Zaun, entlang der Betonklötze führen. “Wir passen mit dem Bus da durch” sagte Claudia. Der Zollstock wird geholt und sowohl die Durchfahrt als auch der Bus wird gemessen. Es passt. Den Zaun haben wir so weit wie möglich geöffnet und ein Schild musste kurz entfernt werden. Glücklicherweise war genau an der Stelle genug Platz zum Rangieren. Vorsichtig lenkt Claudia den Bus über die Grenze. Und dann waren wir zusammen mit Busser in Portugal.

Fahren! Einfach nur fahren! Das war jetzt das Motto. Elizabeth konnte es kaum glauben, dass wir es geschafft haben. Knapp 2,5 Stunden später erreichten wir die Animal Association.   

Wir haben es geschafft. Wir sind in Portugal. Es geht immer weiter und es gibt immer einen Weg und wir haben genau den richtigen gefunden. Es braucht nur ein bisschen Mut und Geschick und Europa steht uns offen.

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